Delusion of Desire – Zwischen Begehren und Verwandlung

Werkstattabend der Szeneklasse von Vera Nemirova an der UdK Berlin – mit Texten u.a. von Claus Löser und Stefan Plasa – 17. Juli 2026

Es gehört zu den schönsten Momenten künstlerischer Lehre, wenn sie nicht mehr wie Lehre aussieht, sondern bereits wie Kunst. Genau dies verspricht der Werkstattabend Delusion of Desire der Szeneklasse von Vera Nemirova am 17. Juli 2026 im Großen Probensaal der Universität der Künste Berlin.

Vera Nemirova zählt seit vielen Jahren zu den bedeutenden Opernregisseurinnen Europas. Ihre Arbeiten führten sie unter anderem an die Oper Frankfurt, die Deutsche Oper Berlin, die Dresdener Semperoper und zu den Salzburger Festspielen. Erst vor wenigen Wochen wurde ihr diese internationale Ausnahmestellung erneut bestätigt: Im antiken Theater von Plowdiw erhielt sie den erstmals vergebenen Thracian Award of Classical Music als Opera Director of the Year.

Umso bemerkenswerter ist es, dass eine Künstlerin dieser internationalen Ausstrahlung ihre Erfahrungen mit derselben Leidenschaft an die nächste Generation von Opernsängerinnen und -sänger weitergibt. Die Arbeit der Szeneklasse versteht Oper nicht als museales Erbe, sondern als lebendigen Raum des Fragens, Suchens und Erprobens. Werkstatt bedeutet hier nicht Vorstufe, sondern Labor: ein Ort, an dem sich musikalische, szenische und sprachliche Ausdrucksformen gegenseitig befragen.

Das Programm verbindet Arien und Ensembles von Mozart, Händel, Wagner, Tschaikowsky, Richard Strauss und Nico Dostal mit gesprochenen lyrischen Zwischentexten. Neben Gedichten des Berliner Lyrikers Claus Löser werden dabei auch mehrere Texte von Stefan Plasa von den Studierenden selbst zwischen den musikalischen Szenen rezitiert und bilden eigenständige dramaturgische Resonanzräume zwischen den Werken.

Gerade diese Verbindung von Musiktheater und zeitgenössischer Lyrik verweist auf eine der großen Stärken von Vera Nemirovas Arbeit: Oper erscheint hier nicht als abgeschlossenes Kunstwerk vergangener Jahrhunderte, sondern als offenes Denken in Stimmen, Körpern und Sprachen. Die gesprochenen Texte illustrieren die Musik nicht; sie treten mit ihr in einen Dialog, eröffnen Zwischenräume des Hörens und machen sichtbar, dass jede große Oper auch heute noch neue poetische Antworten hervorbringen kann.

Delusion of Desire
Werkstattabend der Szeneklasse von Vera Nemirova
Freitag, 17. Juli 2026, 18.00 Uhr
Großer Probensaal der Universität der Künste Berlin
(Gebäude Bundesallee 1-12)

wir. haben die zungen. der laiber

stoßweise
der regen

stoß in die rippen
der harrenden
die ihren durst vergaßen

die nicht mehr versuchen
aufrecht zu stehen
in gebeugten häusern

was sah die welt
in uns
?
in unserem ausschnitt
von ihr

stehend
wie uralte bäume
aber
nicht wurzelnd
wie diese
in geduld

trotz
der ruhe
unseres vergehens

wir
haben die augen
der schimmernden käfer
wenn
sie die waldpfade kreuzten
die wir –
brotkrumen streuend –
stapften als kinder

wir
haben die zungen der
laiber
wenn
sie öffnen
die steinöfen
vorgeheizt

dem kommen
der hungrigen

wenn
wir ersättigten
gehen

wo sind die ufer

wo ist das ufer

verlorenes
folgend
einem
der es riefe

hörend
verschwiegenes

gehörend
dem schattigen sehen

dem schatten
von der sonne verbrannt

die sicht nehmend
einem
der es ahnte

was da ruhte
unter der landschaft
die durch sein fleisch

gewandert war


auf bahnhöfen
unter den vielen
fühlte er sich sicherer

bei ihm
blieb
was er
ließ

hier

in den erzählungen
der anderen

schweigend


lebend
weiter
ferner

im abrieb
einer er-
innerung

wenn
ein flüchtiger blick
ihn streifte

da
wo er stand

als sei
er
das boot

vom ufer
erwartet


auf
zur arbeit

der auf-
erstehung

nach-
dem man
nutzlos
verging

auf
zum zug
der jahres-
zeiten

die kriege
fern

fort
die brücken

von denen
die helden
stürzten

in den mythos


wo sind die ufer
an denen die seelen
ausgewildert wurden

wo das schicksal
auf- und
ab-
geht

zu-
weisend

den grenzen
die riegel

den stimmen
die siegel

nicht
störend

die orte

dort
wo sie sind


schmaler
werden die
grate

je länger
er
läuft

bis an
den tag

wo
das wandern
verladen wird


das leben
hat sich
verspätet

darum
schlafe keiner
allein

oder
glaube
den seltsamen
blicken
des meeres

und wir | im fall | des glückes || im wunder | der fälle

kopf
nuss
knacker

es sind
ja
immer
die toten
die uns wecken

schlinge
der ulmenzweige

zu umarmen
die frostige luft

am rande
einer verlassenen landschaft
die sich nicht zu beklagen scheint

im gedanken
einst
reich
gewesen zu sein

feld
der ge-
schichte

archiv
alter mären

wo sich die mähren
in die schatten der helden stürzten

in die wange
der eule

vor dem krampf
eines über-
falls

der ver-
gebenen
hoffnung

hinter-
her

kopf-
über

tau-
t

mo.rph | Journal | Ein neuer Ort für Lyrik

In den vergangenen Wochen ist – zunächst ganz leise – ein neues Projekt entstanden: mo.rph | Journal für Lyrik, Poetik und poetische Gegenwart.

Das Journal versteht sich als offenes Forum für zeitgenössische Lyrik und poetisches Denken. Es möchte Gedichte veröffentlichen, neue und etablierte Stimmen miteinander ins Gespräch bringen, Übersetzungen, poetologische Essays, Rezensionen und literarische Fundstücke versammeln und einen Raum schaffen, in dem über Dichtung nicht nur geschrieben, sondern auch nachgedacht und gestritten werden darf.

Dabei liegt der Schwerpunkt nicht auf möglichst vielen Veröffentlichungen, sondern auf sorgfältig ausgewählten Texten, editorischer Qualität und einem respektvollen Umgang mit Autorinnen und Autoren, Verlagen sowie der Buchkultur. Das Journal versteht sich ausdrücklich nicht als Ersatz für das Buch, sondern als Einladung, Gedichte zu entdecken, weiterzulesen und den Weg zu den Verlagen und unabhängigen Buchhandlungen zu finden.

Die ersten Beiträge sind inzwischen online. In den kommenden Wochen soll das Journal Schritt für Schritt wachsen.

Ich freue mich sehr, wenn ihr mo.rph abonniert, die Beiträge lest, weiterempfehlt und das Projekt begleitet.

Ebenso herzlich lade ich Lyrikerinnen und Lyriker, Übersetzerinnen und Übersetzer sowie literarisch Schreibende ein, Texte einzusenden. Willkommen sind insbesondere unveröffentlichte Gedichte, poetologische Essays, Übersetzungen sowie andere Beiträge, die das Gespräch über Dichtung bereichern.

Einsendungen und Anfragen gerne per E-Mail an: texte@morphjournal.de

Ich freue mich auf neue Stimmen, neue Begegnungen und auf alles, was aus ihnen entstehen kann.

Euer Stefan Plasa

Link zum Lyrikjournal mo.rph

siehe. ich lebe. sprachlos. mit allen künftigen

ja
die blinden fenster
wenn das schicksal vermieden wird

alles sagt
hier sein
auch wenn
sich nichts ereignet

alles ruft
nach anschau
und aussicht

alles besitzen
die wanderer
auch wenn sie
scheinbar
nichts heimbringen

die erde bleibt
ein verschwiegenes gefilde

dreht das gehör
dem himmlischen zu
wo es nicht mehr zerfallen kann

wo die zungen saugen
an der stille

die das maß der zeit
ausschüttet
über dem gestein

an dem sich an-
und abstößt
jeder rückweg

der regen

nach
und nach

Serie der regen. nach. und nach 26.1

ton
aus anderem an-
schlag

der wachsenden
metalle

spät-
elegie

wenn
das erinnern
beginnt

nur
dieses zimmer

laut-
loses haus

die leere
bühne
auf
der sich
alle wege

kreuzen

wenn
das erinnern
die jahre
mit den jahreszeiten
verwechselt

stehendes kraut
der ungeernteten knollen

stehende liebe
der wartenden

finden sich immer
jeden einsamen august

wenn das erinnern öffnet
die ausgehängten türen

beim späten erwachen
an nachmittagen

unter dem stimmlosen pfeifen
in den fugen
zwischen schatten und licht

wo
das erinnern
nistet

un||um||wunden

geh.gen
wand

galle.r.ie
geh.schwür

wünschl.route
un||um||kehr||bahre

am licht
verätzte träume

schnee-
trost

schrei
im gefrorenen brot


frühalte blicke
von spiegelnden wassern
wund geblendet

schwere pforten
zu-
kunft


staub-
lese

stein und papier
wie geleckt

und ein gedächtnis
kotzend

die namen
in strahlen

den würfel-
husten

der schwüre
und wünsche


ab-
druck
eines vogels

im eis

bevor
auch er
verschwand


gegen-
wand

flug

atem
der den mund
vergaß

grand opéra

schnapp.schuss
frucht.ziehung
nieß.brauch
kleb.stoff: im nutz-Los

war als
alcina
ein einziges
schreibmaschinen-
geklimper

wurde beschimpft 
gebührenfrei

woke mischpoke
aufgeräumt
und verklemmt

blitzblank
zwischen den küchenkräutern
nicht ein einziger krümel

trug
bärte kalten milchschaums
lehmzungen
in die winde flüsternd

sprach:
davor ist
immer alles schlechter
und so vieles bleibt
danach
das nie wieder gut werden wird

hatte
keine idee
was jetzt sein könnte
wenn etwas sein dürfte

ggf.
(genommenfalls)
wie früher
oder anders

für den verspäteten
dickkopf im sand
monostatos
im white-facing
am bahnsteig 
allein

oder
die drei damen
mit qietschenden gelenken
zauberinnen
zahnlos
am lachen 
beinahe erstickt

wie säuglinge
unter beschädigten schatten 
zahllosen
an den erschöpften brüsten
der weilich weisesten wala
die den letzten zug 
in richtung ausgang der nacht
fast verpasst hätte 

wär um ein haar
verdunstet
wie daphne 
mit den feldern
den seen
den verheißungen 
und dem vergessen

weil niemand wandert
und niemand segelt

die tauben nüsse
mit stopfgehör

mit körpern aus pappmaschee
und knochen aus zuckerwatte

entfernt 
aus den sauber beschnittenen
immergrünhecken

falls ein:
herbstverbot

und weil:
die welt sehr im außen
ihre innereien hat

stieg also:
um
(statt auf)
trat also blindlings:
in die kulisse 

wusste:
als sich der fuß 
der stummen dryade 
ins unumgängliche verdrehte –

etwas wichtiges 
war gesungen worden 

und spürte
wieder daheim
im gähnen
auf der brennenden netzhaut 
ein verlöschendes nachbild

stoffloser
seh[n]sucht